Sieben Stationen der Whiskyreise

Der Youtuber Ralfy (ralfydotcom) ist ein erfahrener Whiskyblogger und Taster mit Jahrzehnte langer Erfahrung. Seine oft eigenen Meinungen sind kritisch aber auch hilfreich und inspirierend. Ein Video beschäftigt sich mit den sieben Stationen der Whiskyreise. Ich schreibe hier meine eigene Version zu diesem Thema, von ihm inspiriert, und beschreibe meine eigenen Erfahrungen. Im Vergleich zu ihm bin ich noch ganz weit am Anfang.

Die Stationen entwickeln sich in der aufgeführten Reihenfolge, jedoch nicht streng hintereinander, eher auch mal mit einem Schritt wieder zurück, mitunter nur  teilweise zurück, dann wieder vorwärts, je nach Situation. So wird das Wissen stetig erweitert und durch negative Erlebnisse wird die Erfahrung gefestigt und möglicherweise in eine andere überraschende Richtung gelenkt.

Ralfy.com Youtuber

Station 🥃

Einführung / Kontakt mit Whisky

Früher war Whisky für mich uninteressant. Es gab für mich Bacardi, Osborne, Whisky nur Red Label, Ballantines oder Black & White. Alles in Cola. Pur war das Zeug nicht lecker, wenngleich die Blends damals bestimmt besser waren als heute. Erst nach und nach kam ich in Kontakt mit Whisky pur, Blends in den klassischen Tumblern mit Eis oder Soda. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich diese Spirituose mal interessant finden würde. Bei Freunden durfte ich dann mal einen Single Malt probieren, noch nicht wissend, was man beim Trinken (nicht "Tasten" wie heute) alles verkehrt machen kann. So war der erste Eindruck eher abschreckend. Ich erinnere mich nicht daran, was genau die Wende auslöste, es war ein schleichender Prozess. Mein Interesse war geweckt, als ich "den Lüning" mit seinem Unterblog sah und kam dadurch auf Whisky.de

So wurde mein Interesse geweckt. Bereits auf dieser Station teilen sich die Wege, die meisten bleiben zufrieden stehen und wollen nicht tiefer einsteigen, völlig in Ordnung. Für mich wurde klar, dass es sich zu einem Hobby entwickeln kann und ein spannendes Thema wird.

 

Station 🥃🥃

Entdeckung / Neugier

Durch viele konsumierte Videos zum Thema Whisky beschloss ich, selbst mal Single Malt zu probieren, natürlich aus Schottland. Meine erste Bestellung war der Glenfiddich 15 Jahre im Soleraverfahren produziert. Das weckte Assoziationen zum Sherry, hatte ja in Andalusien öfter mal Bodegas besucht. Er ist auch sehr fruchtig und angenehm, der Grundstein war gesetzt. Dann kam noch eine Clubflasche hinzu, gereift in Sherryfässern. Dann empfahl mir ein Kollege den Laphroaig 10, das Thema Rauch war mir bis dahin nicht bekannt. Vielleicht wollte er mich schocken, aber überraschender Weise gefiel mir dieses Zeug (man liebt ihn, oder man hasst ihn). Jetzt ging es weiter, zu diesem Zeitpunkt noch stark beeinflusst von Tastingvideos und den darin ausgesprochenen Empfehlungen. So dauerte es auch nicht lange, bis auch mal eine Flasche dabei war, die mir nicht gefiel. Jetzt stellte sich die Frage nach dem "warum".

 

Station 🥃🥃🥃

Nachforschung / Recherche / Tiefer einsteigen

Jetzt begann ich mich dafür zu interessieren, wie genau Whisky produziert wird, also welche Fässer, worin liegt der Unterschied von erstbefüllt oder zweitbefüfllt, was passiert mit dem Holz, wie wirkt es sich aus ? Welche Alkoholstärken sind auf dem Markt, zu diesem Zeitpunkt waren 40, 43 oder 46% ziemlich egal, war halt so abgefüllt, wird schon einen Grund haben. Warum gibt es Whiskies, die 12 oder mehr Jahre lagern, und was hat es mit den NAS (no age statement) auf sich ?

Bourbon, Rye, Grain war kein Thema. Die Auswahl der Whiskies erfolgte nach den Empfehlungen und in der Hoffnung, dass diese zu meinem Geschmack passen. Diese Vorgehensweise ist nicht zu empfehlen, da relativ teuer und es hat ein hohes Potential, enttäuscht zu werden.

Station 🥃🥃🥃🥃

Wissen / Erfahrung sammeln

Jetzt kam der Moment, da ich keine Flaschen blind oder auf Empfehlung gekauft habe, sondern erst Samples oder Tastingsets. Das Risiko wird minimiert und man bekommt schnell einen größeren Überblick. Je nach Budget wird man entweder langsam voran schreiten oder so wie ich, mit einem monatlichen Budget nach und nach die verschiedenen Brennereien ausprobieren. Messen und Tastingrunden bieten sich an, sind aber auch gefährlich, weil man zu schnell beeinflusst wird. Man befindet sich in einer Welt der Marktschreier und Illusionisten, die ihr Produkt verkaufen wollen und selbstverständlich ist dieses Produkt einzigartig und besonders wertvoll. Nur die allerbesten Fässer und das reinste Wasser wurden verwendet, und der Masterblender zerbricht sich den Kopf, welche tollen Zutaten er exklusiv für uns auswählen soll. Und im Travel Retail gehts dann auch noch mal besonders zu, der schnelle lukrative Einkauf lockt, die Falle ist ausgelegt und man tritt freudig rein 😉 

Warum wird Whisky eigentlich gefärbt, wenn er doch in ach so guten Sherryfässern gereift ist oder warum wird der Whisky kühlgefiltert, wenn man ihn doch mit 46% abfüllen könnte ? Was soll das, einen 21 Jahre alten Whisky mit 40% und Farbe abzuliefern und dafür knapp 200€ zu verlangen ? Das heißt natürlich nicht, dass diese Whiskies nicht schmecken können oder uninteressant sind, aber die Auswahl erfolgt nun nach anderen Kriterien.

Es wird nicht so viel Sherry weltweit getrunken, um vernünftige Fässer zu haben, die für Whisky weiter verwendet werden können. Jetzt werden also Sherryfässer extra für diesen Zweck "produziert", man füllt Sherry rein, der dann später zu Essig verarbeitet wird, nur um die Fässer frisch nass und "seasoned" zur Verfügung zu haben. Das ist Trickserei und hat mit traditionellem Whisky schon lange nichts mehr zu tun.

 

Station 🥃🥃🥃🥃🥃

Erfahrung nutzen / Abschätzen / Einsicht

Nach langer Zeit des Sammelns von Eindrücken und Erfahrungen kommt die Erkenntnis, dass die Auswahl der gewünschten Whiskies für den eigenen Genuss (nicht für weitere Tastings) deutlich vom Beginn der Reise abweicht. Probieren werde ich auch weiterhin gerne mal etwas Neues, aber nur in Form von Samples oder in Tastingrunden. Die großen Flaschen für die eigene Hausbar sind schon lange nach anderen Kriterien ausgewählt. Whisky kostet schnell mal 100€ die Flasche, da will man Qualität haben. Die Sinne und Ansprüche sind mit der Zeit verändert worden, die Angaben mancher Brennereien sind nebulös und irreführend. Auf der Flasche oder Verpackung steht eben nicht immer drauf, dass der Whisky "natural colour" hat oder "non chill-filtered" ist. Manchmal ändern die Brennereien auch bekannte Qualitätsstandards und lassen plötzlich Angaben weg, zum Beispiel Glendronach. Bisher war der Whisky immer "non chill-filtered", auch bei 43%, auf den Tubes steht das nun nicht mehr. Man kann davon ausgehen, dass wenn die es nicht machen würden, es auch drauf stünde. Der Kunde wird bewusst im Unklaren gelassen, dann gibt es so blöde Ausreden wie "der amerikanische Markt will das so". Oder plötzlich sind die "Classic Malts of Scotland" ohne Altersangabe.

Die kleineren Brennereien haben das erkannt und stellen "ehrlichen Whisky" her und schreiben das auch auf das Label. Die Webseiten sind transparenter, es gibt mehr Angaben. Häufig sind auch die unabhängigen Abfüller diejenigen, die genau beschreiben, was sie tun. Leider ist der Preis dort aber auch höher. Man kann nicht mithalten mit einem Konzern, der lieber Millionen in Marketing steckt als guten Stoff abzuliefern, die Zielgruppe scheint es dafür ja zu geben.

Das kritische Beurteilen von Qualität setzt sich auch bei anderen Produkten fort. Man ist nicht mehr bereit, irgend welchen Müll zu essen oder zu trinken, den die Lebensmittelindustrie herstellt. Die Sinne sind auch hier kritischer geworden, zum Beispiel beim Kaffee oder Fleisch. Gemüse schmeckt heute nicht mehr so wie früher, alles ist nur noch totes Zeug ohne wirklichen Geschmack. Das merkt man erst, wenn man selbst unverarbeitete Lebensmittel konsumiert.

 

Station 🥃🥃🥃🥃🥃🥃

Ernüchterung / Enttäuschung

Die Spreu trennt sich vom Weizen, so auch beim Whisky. Der Genießer gibt lieber mehr Geld aus für gute Qualität als für Massenware. Die Ernüchterung liegt darin, dass sich im Bereich Single Malt immer mehr der Trend zu "Partymassenprodukte" durchsetzt mit bunten Werbeclips und irgendwelchen unpassenden Aufmachungen oder Mainstream-Aussagen. Von mir aus soll das so sein, aber der Konsument, der so wie ich die Whiskyreise angetreten hat, umzu genießen, wird immer kritischer und ist nicht mehr bereit, sein Geld für Massenware auszugeben. Der Anteil von Steuern in einer Flasche Whisky ist sehr hoch. In Deutschland beträgt der Regelsteuersatz auf Alkohol (in der Herstellung) 1303 € pro Hektoliter, also 13,03€ pro Liter und 3,65€ bei einer 0,7 Flasche mit 40% ABV. Dazu kommt dann noch die Umsatzsteuer von 19% auf das Entgelt. Bei einer Standardflasche 12er für 60€ ist das schnell 1/4 Steuer. Nun wird klar, warum manche Brennereien unter 46% abfüllen und dann lieber aufwändig filtern. Schlechtere Fässer für den Massenmarkt und dann noch E150a Farbe rein.

Die Enttäuschung oder besser Frustration liegt darin, diese Entwicklung nicht aufhalten zu können oder die guten alten Zeiten nicht erlebt zu haben, als Single Malt Whisky deutlich preiswerter war. Zeiten, in denen Glendronach wegen der zeitweise Schließung seine Jahrgangsabfüllungen mit älterem Whisky versah und trotzdem ein jüngeres Alter auf dem Etikett hatte, scheinen aus einer Märchenwelt zu stammen. Welche Brennerei verzichtet heute auf Mehreinnahmen, um den Kunden zu begeistern ?

 

Station 🥃🥃🥃🥃🥃🥃🥃

Nirvana / Stadium der Zufriedenheit / Weisheit

Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Whisky ein Genussmittel ist. Lieber etwas mehr ausgeben und dann genießen, als eine fast genauso teure Flasche als enttäuschend einzuordnen. Und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass eben nicht jeder schottische Single Malt ein Genussmittel ist.
Für Tastings oder für das Material dieser Seite werde ich auch weiterhin neue Whiskies probieren. Der Erfahrungshorizont kann dadurch nur erweitert werden. Bereits jetzt ist aber schon klar, dass bestimmte Marketingabfüllungen von mir ignoriert werden, zumindest die großen Flaschen. Wer meine Seite liest findet schnell raus, was ich meine. Mir ist auch egal, ob die Gerste im Weltraum war oder ein Fass verbuddelt oder auf der Zugspitze lagerte, soll das kaufen, wer will.

Zum Glück gibt es ja immer noch genug Alternativen und es gibt zunehmend mehr neue Brennereien, die zumindest noch auf Qualität setzen, dann werde ich das gerne fördern, indem ich diese Produkte kaufe. Die Reise war bisher schon sehr lehrreich und bietet sehr viel Abwechselung. Wie bei jedem Hobby soll es auch Spaß machen und nicht zu einer Sucht werden. Die Gefahr des erhöhten Alkohoholkunsum stellt sich bei mir nicht, da ich alle anderen einfachen Spirituosen sowie Bier und Wein meide. Ausgenommen vielleicht der Limoncello beim Italiener 😉. Das Motto lautet "seitdem ich Whisky trinke, trinke ich keinen Alkohol mehr" (natürlich keinen anderen Alkohol). In der Summe ist das nicht mehr als früher vor Station 🥃, eher weniger, aber bewusster. Natürlich ist das nicht bei jedem so, kann man auf Messen gut beobachten, wenn die Kampftrinker am Start sind.

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