Diese Brennerei mit den markanten wuchtigen Flaschen ist der führende Favorit in der Bewertung der bisher verkosteten Whiskies. Der Preis ist gehoben, die Qualität aber auch. Fermentationszeiten sind eher länger als kurz, der Lowlandstil wird durch starke Fässer betont, die Abfüllungen sind nicht immer Einsteigerkompatibel. Genießer schätzen die teilweise herausfordernden Eigenschaften. Kraft und Eleganz bilden diese Abfüllungen ab. Gerne würde ich mit einer Zeitreise die alten Zustände und Abfüllungen erleben.
Die Bladnoch Distillery ist eine jener schottischen Brennereien, deren Geschichte fast wie ein Whiskyroman wirkt: Gegründet in einer abgelegenen Flusslandschaft, mehrfach dem Untergang nahe, jahrzehntelang zwischen Stillstand und Wiedergeburt schwankend – und heute doch wieder voller Leben. Im äußersten Südwesten Schottlands gelegen, nahe Wigtown in Galloway, gilt Bladnoch als die südlichste aktive Whisky-Destillerie Schottlands und als eine der letzten verbliebenen alten Lowland-Brennereien. Zum Glück gibt es nun aber zunehmend junge Brennereien in den Lowlands.
Gegründet wurde die Brennerei bereits 1817 von den Brüdern John und Thomas McClelland. Damit gehört Bladnoch zu den ältesten legalen Whiskybrennereien Schottlands. Schon früh genoss sie einen hervorragenden Ruf. Ihre weichen, eleganten Lowland-Malts machten sie im 19. Jahrhundert zur „Queen of the Lowlands“ – ein Titel, der bis heute eng mit der Marke verbunden ist. Die Lage am River Bladnoch prägte dabei nicht nur den Namen, sondern auch den Charakter der Destillate: Florale, grasige und oftmals überraschend cremige Whiskys mit einer eher sanften Textur als viele Highland- oder Islay-Malts.
Doch die Geschichte der Brennerei verlief nie geradlinig. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wechselte Bladnoch mehrfach den Besitzer. Wirtschaftliche Krisen, die Konzentration der Whiskyindustrie und sinkende Nachfrage führten immer wieder zu Schließungen oder Produktionsstopps. Besonders einschneidend war die Stilllegung durch United Distillers im Jahr 1993. Viele Beobachter gingen damals davon aus, dass Bladnoch endgültig verschwinden würde.
Die Rettung kam aus unerwarteter Richtung. Der Nordire Raymond Armstrong entdeckte die stillgelegte Brennerei Mitte der 1990er Jahre eher zufällig und verliebte sich in den Ort. Nach Jahren des Wiederaufbaus nahm Bladnoch im Jahr 2000 erneut die Produktion auf. Diese Phase entwickelte sich unter Whisky-Enthusiasten beinahe zum Kult: Eine kleine, unabhängige Brennerei mit improvisiertem Charme, traditionellen Anlagen und eigenwilligen Abfüllungen.
Der nächste große Wendepunkt folgte 2015. Der australische Unternehmer David Prior kaufte die damals insolvente Brennerei und investierte massiv in ihre Zukunft. Unter seiner Leitung wurde die Technik modernisiert, die Produktion neu organisiert und die Marke international aufgebaut. 2017 – passend zum 200-jährigen Jubiläum – floss wieder frischer New Make Spirit durch die Brennblasen.
Heute versucht Bladnoch, Tradition und moderne Interpretation miteinander zu verbinden. Verantwortlich dafür ist Master Distiller Dr. Nick Savage, der zuvor unter anderem bei The Macallan tätig war. Seine Philosophie beschreibt die Brennerei als „Taste First“ – nicht regionale Konventionen sollen den Whisky bestimmen, sondern Aroma und Fassqualität. Deshalb experimentiert Bladnoch vergleichsweise offensiv mit unterschiedlichen Fassarten, etwa PX-Sherry-, Rotwein- oder Bourbonfässern.
Typisch für moderne Bladnoch-Abfüllungen ist eine Verbindung aus Lowland-Leichtigkeit und kräftiger Fassprägung. Serien wie „Samsara“, „Vinaya“ oder „Alinta“ zeigen, dass die Brennerei bewusst kein rein traditionelles Lowland-Profil reproduzieren möchte. Gerade „Alinta“, die getorfte Variante des Hauses, überrascht viele Whiskytrinker, die mit Lowland-Whisky eher milde Eleganz verbinden.
Auch architektonisch besitzt Bladnoch einen besonderen Reiz. Die weißen Gebäude direkt am Fluss wirken weniger industriell als viele große schottische Brennereien. Besucher beschreiben häufig die ruhige, beinahe abgeschiedene Atmosphäre des Ortes. Das moderne Besucherzentrum mit Café und Verkostungsräumen wurde 2019 offiziell eröffnet und gilt heute als eines der ambitioniertesten Whisky-Tourismusprojekte der Lowlands. Sogar das damalige royale Paar, der Duke und die Duchess of Rothesay, eröffnete das Zentrum persönlich.
Unter Whiskyfans bleibt Bladnoch dennoch ein wenig ein Außenseiter. Die Brennerei besitzt weder die gewaltige Strahlkraft der Speyside-Giganten noch die Kultverehrung vieler Islay-Destillerien. Gerade das macht ihren Reiz aus. Bladnoch steht heute für eine moderne, unabhängige Interpretation des Lowland-Whiskys – geprägt von Wiederaufbau, Experimentierfreude und einer erstaunlichen Beharrlichkeit gegen alle Widrigkeiten.
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